Ruhr Nachrichten: Bohren in Nepal   (04.07.2008)

Bohren als gute Tat

Zahnärztin aus Dorsten behandelt Patienten in Nepal

Dorsten/Sankhu. „Ich hab´mir überlegt, was ich – um etwas Gutes zu tun – gut kann: Käsekuchen backen und bohren“, erzählt Zahnärztin Elisabeth Robens und lacht: Käsekuchen backen in Nepal? Nein. Bohren in Nepal? Ja.

Im Juli schließt die 44-Jährige ihre Praxis in Dorsten und macht sich auf den Weg in das Land am Himalaya. Ehrenamtlich – für die Stiftung „Zahnärzte ohne Grenzen“, unentgeldlich – sogar die Reisekosten zahlt sie selbst: Bohren als gute Tat.

„Es gibt in Nepal nur 300 Zahnärzte für rund 28 Millionen Menschen. Und die meisten Nepalesen können sich eine Behandlung gar nicht leisten“, weiß Elisabeth Robens. Nepal zählt zu den 13 ärmsten Ländern der Welt.

Die Folge: Während hier in Deutscland viele am liebsten beim sirrenden Geräusch eines Zahnbohrers weglaufen, stehen sie vor der Zahnstation im Sushma-Koirala-Memorial-Hospital in Sankhu Schlange. „Wenn wir um 8 Uhr morgens anfangen, warten schon 20 bis 30 Patienten vor der Tür – ganz geduldig, ganz ruhig harren sie mitunter stundenlang aus“, ist die Zahnärztin beeindruckt.

Vor zwei Jahren war sie zum ersten Mal in Sankhu, etwa 16 Kilometer nordöstlich von der Hauptstadt Kathmandu gelegen. Sie war durch einen Artikel in einer Fachzeitschrift auf das Projekt aufmerksam geworden. „Wenn du einmal da warst, lässt es dich nicht mehr los“, sagt Elisabeth Robens.

Sie erzählt von dem schlichten Behandlungsraum mit dem alten Röntgengerät – „aber immerhin funktioniert es“. Von langwierigen Wurzelbehandlungen – „oft nehmen die Patienten lange Fußmärsche für die Behandlung auf sich, das können sie nicht für mehrere Termine machen“. Von Brücken, Kronen, Implantaten – hier Standard, dort unmöglich.

Elisabeth Robens berichtet von den nepalesischen Behörden, die sich trotz der politischen Wirren nicht in die Arbeit der Stiftung einmischen – „wir sind ja auch total unpolitisch“. Von kleinen Kindern, die sich aus Mangel an fließend Wasser die Zähne am Brunnen putzen – „ganz gründlich, da geht dir als Zahnärztin das Herz auf“.

Und sie erzählt von der tiefen Dankbarkeit ihrer Patienten – „manche quälen sich ja schon lange mit den Schmerzen herum. Plötzlich ohne Zahnweh zu sein, ist für die Menschen unbezahlbar.“ Dennoch sei es für die stolzen Nepalesen wichtig, für die Behandlung zu bezahlen. „Jeder gibt, was er kann, meist sind das umgerechnet nur Cent-Beträge. Wer gar nichts hat, zahlt auch nichts.“ Richtig gerührt ist Elisabeth Robens, wenn sie zum Abschied den traditionellen Gruß hört: „Namaste“ – „ich grüße das Göttliche in Dir“. Sie empfindet dann „ein bisschen Stolz und tiefe Zufriedenheit“. Auch darüber, „dass ich dort das machen kann, was ich am liebsten tue: bohren“. Sie müssen sich in Nepal keine Gedanken machen über Auflagen der Krankenkassen, Zeitlimits für eine Behandlung oder Gebührenordnung – „hier in Deutschland bin ich ja neben Zahnärztin auch automatisch Unternehmerin und Betriebswirtin. Dort kann ich einfach nur heilen, den Menschen helfen“. Für sie sei das - vielleicht etwas salopp ausgedrückt: „back to the roots“ – „zurück zu den Wurzeln“.

Und dafür packt sie bald den Koffer. Kleidung nimmt sie für die zweiwöchige Reise nur wenig mit – „ein paar T-Shirts, zwei Jeans, das langt“. Einige Bücher, „abends hat man dort viel Zeit zu lesen“. Und vor allem: Unmengen von Spritzen und Mullbinden, „die fehlen im Moment sehr in der Zahnstation“.

Susanne Linnenkamp

Seit Ende Mai ist Nepal eine Republik

Nepal grenzt im Norden an die autonome Region Tibet der Volksrepublik China und im Süden , Westen und Osten an Indien. Etwa 28 Millionen Menschen - überwiegend Hindus – leben in dem asiatischen Staat. Bis Ende Mai war Nepal eine Monarchie. Die verfassungsgebende Versammlung rief damals die Republik aus und setze den König ab. Tonangebend in dem Land sind jetzt die Maoisten, die bis 2006 zehn Jahre lang mit Waffengewalt die Monarchie bekämpft hatten. Der Konflikt kostete mehr als 13000 Menschen das Leben.

„Zahnärzte ohne Grenzen“ wurde 2005 von dem Nürnberger Zahnarzt Dr. Claus Macher als Stiftung gegründet. Insgesamt betreibt die Stiftung acht Zahnstationen unter anderem in Nepal, in der Móngolei, Srí Lanka und Rumänien. Etwa 100 Dentisten aus Deutschland und Österreich haben sich der Stiftung angeschlossen. Sie arbeiten für mehrere Wochen unentgeldlich in einer Zahnstation. „Wir leisten Hilfe auf Augenhöhe von Mensch zu Mensch“, erklärt Macher. Wichtig: „Wir mischen uns nicht in religiöse oder politische Angelegenheiten.“ Die Stiftung finanziert sich über Spenden und Erlöse aus Zahngoldsammlungen.

www.dentists-without-limits.de

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